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Hintergründe und Neues aus der Forschung leicht verständlich erklärt
Atlantische Heringe in der Ostsee sind ihrem Brutort treu
Siebert, Ina [Ina Siebert1] - 9. Jan 2026, 08:15
Ein Schwarmfisch mit einem großen Verbreitungsgebiet: Der → Atlantische Hering (Clupea harengus) ist von South Carolina über Südgrönland und Island bis in die Ostsee und den Golf von Biskaya verbreitet. Mehrere tausend Fische können einen Schwarm ausmachen. Sie leben im Freiwasser und sind meist in 150 bis 350 Metern Tiefe zu finden. Für die Jagd auf Zooplankton schwimmen sie abends an die Oberfläche.

Atlantische Heringe in Finnland
(c) Alexandra Wochinger/NABU-naturgucker.de
(c) Alexandra Wochinger/NABU-naturgucker.de
Durch die gewerbliche Fischerei – der Hering gehört zu den beliebtesten Speisefischen in Deutschland – sowie die durch den Klimawandel bedingte Erwärmung der Ostsee sind die Bestände stark zurückgegangen. Im wärmeren Wasser laichen die Heringe früher und noch bevor sich das Zooplankton als Nahrungsgrundlage mit den länger werdenden Tagen in ausreichender Menge entwickelt hat. Mehr als die Hälfte des Rückgangs beim Nachwuchs wird auf die Erwärmung der Ostsee zurückgeführt. Ein zu hoher Nährstoffeintrag in die Gewässer führt zum Wachstum freischwebender Algen. Dadurch gelangt weniger Licht in tiefere Wasserschichten, was größere Pflanzen in ihrem Wachstum beeinträchtigt. Sie bilden das Laichsubstrat der Heringe. Im wichtigen Laichgebiet des Greifswalder Boddens gedeihen höhere Wasserpflanzen nur noch auf sieben Prozent ihrer ursprünglichen Fläche.[1]
Von 300.000 Tonnen in den 1990er-Jahren hat der Laicherbestand des frühjahrslaichenden Herings in der westlichen Ostsee auf 60.000 Tonnen im Jahr 2020 abgenommen. Seit 2006 gilt seine Fortpflanzung als akut gefährdet, weshalb die Fangquoten für die Berufsfischerei mehrfach herabgesetzt worden sind.[2] Für 2026 bleibt die gezielte Fischerei auf Heringe in der westlichen Ostsee geschlossen. In begrenztem Rahmen ist die kleine Küstenfischerei mit passiven Fanggeräten, wie Stellnetzen und Reusen, weiterhin zulässig. Die Gesamtfangmenge für die EU beträgt 788 Tonnen, davon 435 Tonnen für Deutschland. Begründet wird die Entscheidung mit Anzeichen für eine Bestandserholung in den letzten Jahren.[3]

Atlantische Heringe im Greifswalder Bodden
(c) Jörg Chmill/NABU-naturgucker.de
(c) Jörg Chmill/NABU-naturgucker.de
Zur Fortpflanzung suchen die Heringe meist flache Wasserzonen auf. Bekannt sind ihre teils weiten Wanderungen zwischen Fortpflanzungs- und Nahrungsgebieten. Ein internationales Forschungsteam unter Leitung des Thünen-Instituts für Ostseefischerei hat nun erstmals belegt, dass der Atlantische Hering seinem Brutort treu bleibt. In der westlichen Ostsee pflanzen sich 56 bis 73 Prozent der Heringe an genau jenen Standorten fort, an denen sie selbst geschlüpft sind. Ermittelt haben das die Forschenden anhand mikrochemischer Untersuchungen der Gehörsteine (Otolithen) und genetischer Analysen. Während der Wanderungen werden sogenannte Streuner in die Schwärme aufgenommen, was den genetischen Austausch zwischen verschiedenen Populationen fördert. In den Ergebnissen sehen die Forschenden die Notwendigkeit, ein gezieltes Küstenzonenmanagement einzuführen, um diese Lebensräume besser zu schützen, die Produktivität und Widerstandsfähigkeit der Ökosysteme zu erhalten sowie eine nachhaltige Fischerei in Zukunft sicherzustellen.[4]
[1] → Deutscher Angelfischer-Verband e.V.: Der Hering (Clupea harengus) bleibt auch im Jahr 2022 Fisch des Jahres
[2] → Deutscher Angelfischer-Verband e.V.: Fisch des Jahres 2021/2022 - Der Atlantische Hering (Clupea harengus)
[3] → Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat: Ostseefischerei: Bedingungen bleiben stabil – 2026 keine neuen Einschränkungen
[4] Dorothee Moll et al., Direct evidence of natal homing in an Atlantic herring metapopulation. Sci. Adv.11, eadz6746 (2025). DOI: → 10.1126/sciadv.adz6746