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Hintergründe und Neues aus der Forschung leicht verständlich erklärt
„Piepaal“ im Norden, „Furzgrundel“ im Süden, gefährdet überall
Siebert, Ina [Ina Siebert1] - Gestern, 09:05
111 Arten von Süßwasserfischen und Neunaugen sind in Deutschland etabliert. Verschmutzung, Begradigungen und Uferverbauungen von und Querbauwerke in Gewässern sowie die Folgen des Klimawandels gefährden sie. In der → Roten Liste von 2023 sind 52 Prozent von ihnen als bestandsgefährdet oder bereits ausgestorben eingestuft. Der seltene und langfristig stark zurückgehende → Europäische Schlammpeitzger (Misgurnus fossilis) gilt als gefährdet.

Europäischer Schlammpeitzger
(c) Werner Bartsch/NABU-naturgucker.de
(c) Werner Bartsch/NABU-naturgucker.de
Mit seinem walzenförmigen, 15 bis 30 cm langen Körper wirkt er aalartig, gehört jedoch zur Ordnung der → Karpfenartigen (Cypriniformes). „Piepaal“ wird er im Norden genannt, „Furzgrundel“ im Süden. Das liegt an seiner Fähigkeit, Luft an der Wasseroberfläche zu schlucken und Sauerstoff über Blutgefäße im Darm aufzunehmen – und die Luft anschließend wieder herauszupressen. Dank der Haut- und Darmatmung zusätzlich zur Kiemenatmung kann er auch in Gewässern und Zeiten mit wenig Sauerstoff überleben. Seine besonders schleimige Haut schützt ihn vor Austrocknung. So kann er wochenlang im Schlamm überdauern. Mit seinen Bartfäden geht er nachts und in trüben Gewässern auf die Suche nach Wirbellosen.[1]
Flache und schlammige Tümpel, Gräben, Altarme und Teiche sind zunehmend gefährdet, sodass der Schlammpeitzger seine potenziellen Lebensräume verliert. Das Bayerische Landesamt für Umwelt betreibt ein Artenhilfsprogramm, um Vorkommen festzustellen und den Fisch an seinen früheren Standorten wieder anzusiedeln. 2021 wurden in einem Grabensystem an der Donau zwischen Deggendorf und Straubing 4.500 Tiere im Alter von sieben Wochen ausgesetzt.[2] Zunächst konnten sie sich etablieren, wurden jedoch nach zwei Jahren durch den konkurrenzstärkeren Chinesischen Schlammpeitzger (Misgurnus anguillicaudatus) verdrängt, dessen Herkunft in diesen Gewässern unklar ist. Die Art ist in Gartenteichen und Aquarien beliebt und so von Ostasien nach Europa gelangt.[3] In einem neuen Projekt sind in Oberfranken in Altwässern des Mains bei Bischberg 200 Europäische Schlammpeitzger ausgesetzt worden. Bestandsaufnahmen und wiederholte Freilassungen von gezüchteten Individuen sollen zeigen, ob sich die Art im Main wieder etablieren kann.[4] Auch in anderen Bundesländern gibt es Projekte, um den Schlammpeitzger besser zu schützen bzw. wieder anzusiedeln. Neben dem Erhalt seiner Lebensräume ist es wichtig, dass Gewässersolen, in denen er sich im Winter oder bei Trockenheit im Schlamm eingräbt, nicht maschinell bearbeitet werden.
[3] → Niedersächsisches Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit: Ostasiatischer Schlammpeitzger auf dem Vormarsch?